Unter dem Titel „Traumatisiert oder schwierig – Perspektiven aus PSZ und Regelversorgung im Umgang mit Menschen mit Fluchtgeschichte in einer vielfältigen Gesellschaft“ lud das Psychosoziale Zentrum für Migrant*innen in Sachsen-Anhalt (PSZ) am 8. Oktober 2026 zu einem Fachtag in das Alte Rathaus Magdeburg ein. Rund 90 Fachkräfte aus Psychotherapie, psychosozialer Versorgung, Wissenschaft, Verwaltung und weiteren Arbeitsfeldern kamen zusammen, um aktuelle Herausforderungen zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Perspektiven für eine bedarfsgerechte Versorgung zu entwickeln. Zugleich stand die Veranstaltung im Zeichen des 20-jährigen Bestehens des PSZ Sachsen-Anhalt.
Eröffnet wurde der Fachtag von PSZ-Projektleiter Martin Kampa, der die Gäste gemeinsam mit Tatiana Katcheishvili, Bereichsleiterin Migrationsarbeit der Stiftung Evangelische Jugendhilfe, und dem Team des PSZ begrüßte. In seiner Einführung betonte Kampa die Bedeutung von Solidarität, gesellschaftlicher Verantwortung und fachlichem Austausch.
Auch Mike Keune, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Evangelische Jugendhilfe und Geschäftsführer der St. Johannis GmbH, würdigte in seinem Grußwort die langjährige Arbeit des PSZ. Er gratulierte zum 20-jährigen Bestehen und unterstrich die Notwendigkeit einer qualifizierten psychosozialen Versorgung geflüchteter Menschen. Die Arbeit des PSZ sei eine wichtige Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben. Zugleich erinnerte er daran, dass komplexe Herausforderungen im Bereich Migration keine einfachen Lösungen zulassen.

Ein weiteres Grußwort sprach Björn Malycha, Leiter des Referats Integration im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Er hob die Bedeutung der spezialisierten Fachkräfte und ihrer beratenden, therapeutischen und vermittelnden Arbeit hervor. Eine vielfältige Gesellschaft sei keine abstrakte Vorstellung, sondern gelebte Realität, die täglich gemeinsam gestaltet werde.
Zwei Jahrzehnte Unterstützung für geflüchtete Menschen
Anlässlich des Jubiläums nahm Martin Kampa die Teilnehmenden mit auf eine Zeitreise durch die Entwicklung des PSZ Sachsen-Anhalt. Was 2006 mit der Eröffnung des ersten Standorts in Halle (Saale) begann, entwickelte sich zu einer landesweit tätigen spezialisierten Einrichtung.
2010 folgte der Standort Magdeburg, 2012 übernahm die St. Johannis GmbH die Trägerschaft. Mit dem Aufbau eines eigenen Kinder- und Jugendbereichs im Jahr 2014, speziellen Unterstützungsangeboten für Geflüchtete aus der Ukraine ab 2022 und der Eröffnung des Standorts Stendal 2023 wurde das Angebot kontinuierlich erweitert.
Heute bietet das PSZ an drei Standorten Psychotherapie, psychosoziale Beratung sowie begleitende Sozial- und Asylverfahrensberatung mit Sprach- und Kulturmittlung an. Dabei arbeitet das Zentrum auch mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammen.
Wie dringend diese Angebote benötigt werden, verdeutlichen die aktuellen Zahlen: Allein im vergangenen Jahr unterstützte das PSZ rund 650 Menschen. Gleichzeitig warten derzeit mehr als 300 weitere Menschen auf einen Behandlungs- oder Beratungsplatz.
„Krank oder gefährlich?“ – Fachvortrag hinterfragt gesellschaftliche Zuschreibungen
Einen zentralen Programmpunkt bildete der Hauptvortrag von Prof. Dr. Ingo Schäfer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Unter dem Titel „Krank oder gefährlich“ beschäftigte er sich mit der Frage, wie psychische Erkrankungen, Fluchterfahrungen und mögliche Gewaltrisiken in gesellschaftlichen Debatten miteinander verknüpft werden.

Anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse und statistischer Daten erläuterte er Risikofaktoren und Möglichkeiten der Prävention. Dabei machte er deutlich, dass die große Mehrheit psychisch erkrankter Menschen nicht gewalttätig ist. Vielmehr können eine angemessene Behandlung, gesellschaftliche Teilhabe und funktionierende Hilfesysteme entscheidend dazu beitragen, Risiken zu reduzieren. Eine zentrale Botschaft des Vortrags: Wirksame Gewaltprävention setzt auf Behandlung und Teilhabe statt auf pauschale Kontrolle und Stigmatisierung.
Fachlicher Austausch in Workshops und Podiumsdiskussion
Am Nachmittag vertieften die Teilnehmenden verschiedene Aspekte der psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung in drei Workshops.
Anikó Zeisler vom Bundesverband der Psychosozialen Zentren beschäftigte sich mit den Chancen und Grenzen künstlicher Intelligenz in der Sprachmittlung. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit KI-basierte Übersetzungen die therapeutische Arbeit unterstützen können und wo insbesondere bei kulturellen und sprachlichen Besonderheiten Grenzen bestehen.
Die Kinder- und Jugendlichentherapeutinnen Sandy Jablonski und Ekaterina Marynich vom PSZ Sachsen-Anhalt widmeten sich unter dem Titel „Zwischen Verlust und Neubeginn“ den psychischen Folgen von Fluchterfahrungen bei Kindern und Jugendlichen sowie Möglichkeiten ihrer therapeutischen Begleitung.
Univ.-Prof. Dr. Ulrike Kluge von der Charité – Universitätsmedizin Berlin beleuchtete die Herausforderungen und Chancen interkultureller Psychiatrie und Psychotherapie. Dabei standen insbesondere strukturelle Rahmenbedingungen und Möglichkeiten einer kultursensiblen Versorgung im Mittelpunkt.

In einer anschließenden Podiumsdiskussion kamen unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, therapeutischer Praxis, Interessenvertretung, Verwaltung und psychosozialer Versorgung zusammen. Diskutiert wurde, wie die Versorgung psychisch belasteter und erkrankter Geflüchteter verbessert und die Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Einrichtungen und der Regelversorgung gestärkt werden kann.
Begleitet wurde der Fachtag von der Ausstellung „Kein Ort für Kinder“ der Kinderrechtsorganisation terre des hommes, die auf die Situation von Kindern mit Fluchterfahrungen aufmerksam machte.
Psychosoziale Versorgung bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Der Fachtag machte deutlich: Eine bedarfsgerechte psychosoziale Versorgung geflüchteter Menschen braucht fachlichen Austausch, verlässliche Strukturen und eine enge Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Einrichtungen und der Regelversorgung.

Über das PSZ Sachsen-Anhalt
Das Psychosoziale Zentrum für Migrant*innen Sachsen-Anhalt (PSZ) ist die einzige spezialisierte Einrichtung im Bundesland für psychotherapeutische Behandlungen von geflüchteten Menschen. Seit seiner Gründung 2006 bietet es an den Standorten Halle, Magdeburg und Stendal Psychotherapie, Sozialberatung und Asylverfahrensberatung mit Sprach- und Kulturmittlung an.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.psz-sachsen-anhalt.de
Pressekontakt
Martin Kampa, Projektleitung Psychosoziales Zentrum für Migrant*innen in Sachsen-Anhalt, St. Johannis GmbH
📱 0170 624 1496
📧 martin.kampa@psz-sachsen-anhalt.de












